Von losen Blättern zu festen Körpern

Elisabetha Bleisch, geboren 1954 in Sax/SG, lebt und arbeitet in Zürich. Ihre plastischen Arbeiten hat sie schon mehrfach vorgestellt, seit 1986 in Einzel-, Doppel- oder Gruppenausstellungen. Ihre Objekte der 1990er-Jahre waren homogen im Material (Papier), körperhaft und archaisch im Ausdruck. Im Jahre 1997 erhielt sie ein Stipendium der Stiftung BINZ39 für einen Atelieraufenthalt in Scuols-Tarasp (GR); als Stipendiatin der Fondazione Casa Atelier Bedigliora weilte sie 2006 im Tessin.


In den Nullerjahren formte Elisabetha Bleisch verschiedene neue Papierobjekte, deren innerer Aufbau nicht ohne weiteres zu erkennen ist: zum einen im Kern filigran strukturierte Körper, die abschliessend zu einem strengen Kubus von allseitiger Ausstrahlung zugeschnitten wurden; zum andern mittels Papierstreifen konzentrisch aufgebaute Objekte, die nach Erhärten des mit Klebstoff zusammengehaltenen Ganzen maschinell aufgeschnitten werden. Die Radikalität des Schnitts öffnet den Blick für gänzlich neue formale Qualitäten, um nicht zu sagen, die Schnitte verhielten sich gegenüber den gewachsenen papiernen Körpern antagonistisch. Die Umsetzung spricht für sich: Für Momente blitzt der Gedanke auf, hier sei der Gegensatz von traditionellem Handwerk und hochspezialisierter Technik wieder versöhnt.
So sind Objekte von unterschiedlicher Dichte, Grösse und Gewicht entstanden – durchzogen von geometrischen Gitter- oder aufgeschnittenen organischen Gewebestrukturen. Ausser einer Arbeit sind alle Plastiken unbemalt. Der Farbton des Werkstoffs Papier lässt gelegentlich Spuren der ursprünglichen Druckfarbe erkennen. So robust die papiernen Arbeiten wirken mögen – nur durch die abschliessende Bearbeitung ihrer Oberfläche mit einem matten Härter erhalten die Plastiken von Elisabetha Bleisch physische Beständigkeit.


Seit 2011 experimentiert die Künstlerin mit Pappmaché und Tapeten, beigemischten Farbpigmenten und Deckschichten aus Teer. Im Säurebad verändern sich ausgewählte Rohlinge farblich auf bizarre Art, Tupfer von Javelwasser hellen punktuell Oberflächen auf. Der Wandel von alltäglichen organischen Stoffen zu abgründiger Archaik oder zu zeichenhaften Stäben bis hin zu einem luftigen Gewebe vollzieht sich in kleinen Schritten. Dabei resultieren zum Teil an vorsintflutliche Erdkruste und schrundige Monde erinnernde Wandobjekte, oder das raumgreifende, clusterartige Papiergewebe, dessen filigrane Schwärze sich scharf vor weissem Hintergrund abhebt.


Die Entdeckung eines leicht giess- und formbaren Kunststoffs führte 2016 – kombiniert mit Papier als Rückgrat und farblich aufgemischt – zu ganz neuen, unverwechselbaren Formen: einen eigenen Kosmos bevölkernde Gestirne, reliefierte Bildwerke, deren Ausdrucksmöglichkeiten grenzenlos scheinen.


Zürich, im März 2017
F. Schemmer